Nicht jeder Tag ist gleich, schon mal gar nicht jeder tägliche Lauf. Es fühlt sich jeden Tag anders an. Am Samstag hatte ich einen langen Lauf, der gut lief. Am Sonntag spürte ich noch ein wenig die Nachwehen in Form von Müdigkeit und leichten Muskelkater in den Beinen. Am Montag war dies wie weggeblasen. Ich fühlte mich locker und leicht, so wie ich dahin lief. Ein richtig gutes Gefühl. Auch gestern war es ähnlich. Ich freute mich, dass ich den langen Wochenendelauf so gut weggesteckt habe. Die Beine liefen wie ferngesteuert, einfach nur gut. Heute war es nicht ganz so. Die Füße waren müde und schmerzten ein wenig. Doch noch eine Nachwirkung vom Wochenende? Oder einfach nur ein nicht ganz so guter Tag? Ich ließ es gemächlicher angehen.
Mache mir manchmal Gedanken über das Laufen. Wieviel ist gut? Wieviel ist vielleicht zu viel? Gibt es überhaupt ein zuviel? Ich hätte diese Fragen in den letzten Tagen täglich anders beantwortet. Tägliches Laufen ist auch eine Gefühlssache. So wie ich mich fühle, so laufe ich an diesem Tag. Ganz schlecht ist nur, gar nicht zu laufen. Ich sitze werktags in der Innenstadt in einem Hochhaus in der 16. Etage. Um mich herum sind mittlerweile drei Großbaustellen, die ordentlich lärmen, dann noch die Stadtautobahn, dauernd fährt ein Rettungswagen-Löschzug mit ohrenbetäubendem Tatütata vorbei, dass man nichts anderes mehr hört. Außerdem ist eine Menge zu tun, es geht manchmal ganz schön drunter und drüber. Dauernd geht das Telefon. Ganz schön stressig dort. Es ist nach wie vor eine Wohltat, nach Feierabend an der frischen Luft all den Stress von sich zu lassen, tief ein- und wieder auszuatmen, allen Ballast, der sich im Laufe des Tages angesammelt hat, fallen zu lassen. Es gelingt nirgendwo besser, als auf meiner Laufstrecke. Wenn es sein muss, laufe ich halt weniger, doch oftmals muss ich meine Lauflust eher bremsen.
Auch stelle ich fest, dass gerade die ganz langen Läufe, wie am vergangenen Wochenende jedes Mal einen kleinen Leistungsschub bringen. Kann also so schlecht nicht sein. Mein Vater steht oftmals, wenn er von meinen langen Läufen erfährt, mit erhobenen Zeigefinger mahnend da. Ich soll doch nicht so viel laufen, es wäre nicht gut. Dabei weiß er gar nicht, wie weit ich wirklich laufe. Ich erzähle es ihm nicht, er würde es eh nicht verstehen. Er hat eben keine Ahnung, wie gut es vor allem meiner Seele tut. Wie soll einer, der noch nie gelaufen ist, das auch verstehen? Er geht zwar jeden Tag spazieren seit vielen Jahren. Doch ist spazierengehen nicht das gleiche wie laufen.
Ich denke, ich kann ganz gut in mich hineinhorchen und würde reagieren, wenn es wirklich zuviel werden würde. Gerade die langen Läufe machen mir viel Spaß. Es ist schön dabei zu beobachten, wie es in der Natur aussieht und wie sich alles im Laufe der Zeit mit den Jahreszeiten verändert. Ich nehme meine Umwelt viel bewußter wahr, als ich es zuvor je tat. Es ist eine Lebensbereicherung geworden. Soll das etwa zuviel sein?