Heute früh zeigte mein Balkonthermometer lediglich 9 Grad. Soll ich da etwa in kurzen Sachen laufen? Nach meiner morgendlichen Gymnastik und dem Füllen meines Camelbaks entschied ich mich für die 3 /4 Tight + kurzen Shirt und zusätzlicher Jacke darüber. Am Parkplatz angekommen, ließ ich die Jacke an und rannte mit Camelbak los. Nach ca. 1 km dachte ich, die Jacke ist viel zu warm. Doch es sollte wieder hoch in die Rumelner Felder gehen, wo der Wind ein anderer ist als an dem tiefer gelegenen See.
So war es auch, so dass ich zwischendurch froh war, so angezogen zu sein, wie ich war. Es war genau richtig. Nach ca. 4 - 5 km sah ich auf dem Asphalt km-Angaben zum in Kürze bevorstehenden Halbmarathon-Wettbewerb in Schwafheim. Meine Gedanken gingen ihren eigenen Lauf. Hier war ich auch schon ein paar mal mitgelaufen. Doch jedes Mal wenn ich hier Halbmarathon lief, war es unglaublich heiß und die Strecke bot nur wenig Schatten. Ich dachte an meinen allerersten Halbmarathon, den ich auf dieser Strecke lief. Ich war solche eine Distanz nie zuvor gelaufen. Am Morgen fühlte ich mich nicht gut, hatte Schluckbeschwerden im Hals und war müde. Doch kneifen wollte ich vor den anderen nicht. Im Herbst stand schließlich mein erster Marathonlauf an. Als der Startschuß fiel, war ich sehr schnell alleine auf der Strecke mit einem Radfahrer, der das Schlußlicht bildete. Alle anderen waren weit vor mir, was ich ziemlich depremierend fand. Hinzu kam, dass meine Beine schwerer wirkten als gewohnt, dann noch die Sonne und die Hitze, es war nicht mein Tag. Ich lief viel zu schnell an und musste dadurch frühzeitig eine Gehpause einlegen. Der ganze Lauf war fürchterlich, ich stieg zwischendurch sogar in meiner Pein beim Radfahrer auf den Gepäckträger, was mir sehr peinlich war, vor allem im Ziel. Der Applaus, der mir von allen entgegengebracht wurde, war mir nicht recht, ich hatte ihn nicht wirklich verdient. Ich schämte mich so. Doch am nächsten Tag ging es mir noch viel schlechter. Ich hatte die Bronchitis meines Lebens, war glaube ich drei Wochen krank geschrieben und konnte einige Wochen nicht laufen.
Ich lief weiter meines Weges und dachte darüber nach, wie oft ich gerade vor Marathonläufen mit Erkältungskrankheiten zu tun hatte. Auch darüber, wie mich solche Ereignisse mein ganzes Leben lang verfolgten, schon in der Grundschule, als ich zu Weihnachten vor der ganzen Schule Mundharmonika spielen sollte. Am Tag, wo es stattfinden sollte, war ich mit Fieber und allem was dazu gehört krank und ich glaube den einzigen Tag dieser Schulzeit Zuhause im Bett. Oder als ich mein Abi auf dem Abendgymnasium machte. Gerade in Mathe, meinem Lieblingsfach, wollte ich allen zeigen, was ich konnte. Der Schuß ging voll nach hinten los, ich schrieb meine schlechteste Klausur, in diesem Fach auf dieser Schule. Immer wenn ich von mir selber viel erwartete, ging der Schuß nach hinten los. Entweder wurde ich krank oder ich versagte sonst irgendwie. Offensichtlich kann ich mit Druck, den ich mir selber auferlege, nicht wirklich umgehen. Habe ich deshalb einen zu hohen Blutdruck?
Umso besser ist es, dass ich mir dieses Jahr überhaupt keine Wettkämpfe vorgenommen habe. Es ist ein lockeres unbeschwertes Laufen frei von jedem Druck. Ich kann frei von jeder Last die Natur um mich herum genießen, das Laufen an sich, die rhythmische Bewegung und mich dabei wohl fühlen. Wenn mir mal nicht so sein sollte, ist es kein Problem, es einfach sein zu lassen. Klar, irgendwann möchte ich gerne mal einen Wettkampf bestreiten, einen Marathon oder sogar einen 100-km-Lauf. Doch ich will mir da kein zeitliches Ziel oder gar Limit setzen. Wenn ich so weit bin, dann werde ich schon die passende Örtlichkeit finden. Es gibt so viele Laufveranstaltungen das ganze Jahr über, dass ich heutzutage viel lockerer an die Sache herangehen kann, als das in den 90ern der Fall war, wo es nicht so viele Wettkämpfe gab.
Mein größter Sieg wäre sowieso der Tag, wo ich alle meine Tabletten, die ich für den Blutdruck nehmen muss, wegschmeißen kann. Laut von Aaken bin ich da angeblich mit dieser Art zu laufen auf dem besten Wege. Wenn es drei oder fünf Jahre dauern sollte, macht es nichts. Hauptsache der Tag kommt irgendwann vielleicht.
Mit diesen Gedanken lief ich meinen Weg durch die Felder und kaum war ich am See zurück, traf mich der Schlag. Hier war es erstens deutlich wärmer als oben in den Feldern. Außerdem waren zur frühen Stunden (noch vor 10.00 Uhr) schon Massen an Menschen unterwegs. Es findet wohl ein Drachbootrennen statt, welches diese Massen von Menschen schon so früh anlockt. Ich suchte meinen Weg vorbei an Horden von Stöcke schmeißenden Walkern, Spaziergängern, chaotischen Autofahrern bis ich endlich mein Ziel erreicht hatte.
Mit 13,8 km in 108 Min. war ich sehr zufrieden. Glaube insgesamt mit meiner Lauferei auf einem sehr guten Wege zu sein. Hat heute wieder viel Spaß gemacht.