In der Schule bekam man früher so manches beigebracht. Alles wurde mit Noten beurteilt. Man bekam schnell mitgeteilt, was man kann oder auch nicht kann. Beispielsweise wurde mir sehr früh beigebracht, dass ich nicht malen kann. Den größten Teil meines bisherigen Lebens lebte ich mit dieser Ansicht.
Irgendwann vor ein paar Jahren probierte ich es trotzdem aus, warum spielt keine große Rolle an dieser Stelle. Ich fand schnell viel Spaß am Malen mit Acrylfarben auf Keilrahmen. Es gab viele Hefte und Bücher mit Motiven, die man versuchen konnte, nachzuarbeiten. Es gab Fotos in der Zeitung und auf Kalenderblättern, die mir gefielen und als Motiv herhalten mussten. Ich fing an, eigene Motive zu entwickeln. Ich wagte mich sogar eines Tages an ein menschliches Motiv. Ich versuchte mich an mein langjähriges Idol Udo Lindenberg. Als das Bild fertig war, dachte ich, wow, ist ja gar nicht so schlecht. O.k., es war nicht perfekt, hatte hier und da noch ein paar Macken. Doch dafür dass ich nicht malen kann, konnte sich das Ergebnis aus meiner Sicht sehen lassen. Ein paar Wochen später war 2008 am 17. Oktober in Essen ein Konzert mit Udo angesagt, wofür ich schon lange eine Karte hatte. Ich hatte mir für diesen Tag frei genommen, um diesen Tag richtig genießen zu können. Ich nahm mein Bild gut eingepackt mit, in der Hoffnung, ein Autogramm von Udo auf diesem Bild zu bekommen.
Ich wartete lange vor Beginn der Veranstaltung mit meinem Bild unter dem Arm vor der Halle. Es kamen einige andere Fans dazu. Irgendwann hatte das Warten ein Ende. Erst fuhr ein schwarzer Bus vor mit dunklen Scheiben, aus dem viele Menschen ausstiegen, die zu der gesamten Crew gehörten. Kurz darauf fuhr noch ein Kleinwagen vor, wo Udo drin saß. Außer mir drängten noch ein paar andere Menschen in diese Richtung, blieben aber alle in einem respektablen Abstand von einigen Metern stehen. Udo stieg aus, freute sich sichtlich über unser kleines Empfangskomitee. Er rückte noch seinen Hut zurecht und zuppelte ein wenig an sich herum. Dann kam er direkt auf mich und mein Bild (70 x 50 cm) zu. Er nahm es in seine Hände und sah es sich genau an. Er strich teilweise mit den Fingern vorsichtig darüber und sagte dann, dass es ihm wirklich gut gefallen würde, richtig gut sogar. Dann zückte er seinen Stift und gab das von mir ersehnte Autogramm incl. Udogramm darauf. Ich war so erfreut, stolz und glücklich über diese ganze Szene. Ich werde sie so schnell in meinem Leben nicht vergessen.

Das Bild hat seinen festen Platz in meinem Wohnzimmer gefunden wie viele andere Bilder, die alle selbstgemalt sind. Ich bin kein Künstler, schon mal gar kein großer. Doch dass ich nicht malen kann, kann man so nicht stehen lassen. Ich habe es irgendwann einfach mal probiert und nun sind meine Wände in der Wohnung so voll, dass ich nicht mehr weiß wohin mit neuen Bildern. Manchmal, wenn ich an früher denke, wie andere über mich geurteilt haben, bin ich richtig sauer darüber. Was Lehrer und andere Menschen mit ihrer Art der Beurteilung alles in Menschen anrichten können, ist unfassbar. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, wie sehr sich einer angestrengt und was er dabei gefühlt hat.
Das Gleiche erlebt man im Sport. In der Schule und wurde alles, was man sportlich zu leisten im Stande war, mit einer Note beurteilt, wie schnell man läuft, wie hoch oder weit man springt usw. Wie man sich dabei fühlte, ob man sich angestrengt hat oder nicht, spielte keine Rolle. Auch die Medien und die meisten Menschen heute beurteilen sportliche Leistungen nur nach höher, schneller, weiter mit irgendwelchen Messgeräten. Dabei gibt es doch noch ganz andere Kriterien, viel wertvollere, auf die man erst stößt, wenn man es ausprobiert. Es ist das Gefühl, welches sich nach kurzer Übung entwickelt. Ich nehme als Beispiel das Laufen, welches ich mittlerweile täglich praktiziere. Ich bin nicht schnell, ehe recht langsam, ich laufe auch keine herausragend weite Distanzen. Das ist es auch nicht, was mich animiert, täglich meine Laufschuhe zu schnüren. Es ist viel mehr das verdammt gute Gefühl, was sich fast immer während des Laufens einstellt. Die Entspanntheit, das innere Loslassen von Stress, das Erlebnis in der Natur, das Beobachten der ständigen Veränderungen, das Wohlfühlen bei der Bewegung. Diese Gefühle sind mit keinem Gerät messbar und auch mit Worten nicht wirklich vermittelbar.
Was man an Wertvorstellungen im allgemeinen beigebracht bekommt, sogar schon im frühen Lebensalter in der Schule kann so vieles verschütten, was in einem drinsteckt. Ich bin froh, den ein oder anderen ganz eigenständigen Weg eingeschlagen und mich so teilweise ganz neu entdeckt zu haben. Ich habe ganz andere, eigene Werte in mir kennen gelernt, für die ich sehr dankbar bin. Es ist nicht wichtig, was andere darüber denken. Es ist nur wichtig, dass ich bei dem was ich tue, mich wohlfühle. Ich bin heute stolz, über die Bilder, die meine Wohnung zieren, die alle selbst gemalt sind und ich es ist mir eine große Freude, jeden Tag meine Laufschuhe zu schnüren und den Weg zu mir selbst zu finden. Es wird sicher auch noch andere Dinge geben, die ich bis heute noch nie probiert habe, aber eines Tages einfach mal machen werde. Man soll nie sagen, dass man irgend etwas nicht kann und sich auch nicht von anderen Menschen von diesem Weg abbringen lassen. Mein selbstgemaltes Udo-Bild mit Auto- und Udogramm und die Erinnerung an diese für mich bedeutende Szene erinnert mich jeden Tag daran.
Ich finde ein Gedicht von Wilhelm Busch hierzu sehr passend:
Früher, da ich unerfahren
Und bescheidner war als heute,
Hatten meine höchste Achtung
Andre Leute.
Später traf ich auf der Weide
Außer mir noch mehre Kälber,
Und nun schätz' ich, sozusagen,
Erst mich selber.