Nicht jeder Lauf ist gleich. Meistens komme ich von der Arbeit und kann es kaum abwarten, endlich meine Laufsachen anzuziehen und loszulaufen. Wenn der Tag zuvor nicht so gut läuft, ist es ein Trost zu wissen, dass ich dieses Highlight noch vor mir habe und das mir auch keiner nehmen kann. Komme ich nicht von der Arbeit, sondern habe frei z. B. am Wochenende, im Urlaub oder sonst wie, kann ich es morgens kaum abwarten, in meine Laufsachen zu schlüpfen. Ich fühle mich darin sehr, sehr wohl.
Wenn ich loslaufe, fühlt es sich unterschiedlich an. Mal fühlt es sich leicht und locker an und ich komme schnell in meinen Laufrhythmus. Es gibt auch Tage, da dauert es eine ganze Weile, bis ich ihn gefunden habe, an wenigen nur klappt es gar nicht. Manchmal fühle ich mich vorher wie zum Bäume ausreißen und bin dann überrascht, wenn die Beine sich etwas schwer anfühlen. Ein anderes Mal fühle ich mich müde und oftmals fühlt sich das Laufen dann so leicht an. Wenn ich mein vorheriges Wohl- oder Unwohlfühlen auf das bevorstehende Laufgefühl beziehen will, liege ich fast immer falsch. Es ist nicht vorhersehbar. Es liegt nicht am Wetter, nicht an der Tageszeit, nicht an dem, was ich vorher erlebt und gefühlt habe. Der optimale Laufrhythmus fühlt sich leicht an, die Beine laufen von alleine, bewegen sich gleichmäßig, die Arme schwingen dabei mit, die Atmung ist im passenden Takt dazu. Manchmal muss ich mein Tempo drosseln, wenn die Atmung schwerer wird. Doch habe ich meinen Rhythmus gefunden, ist das kein Problem. Ich schwitze immer sehr schnell recht stark. Spätestens nach 10 - 15 Minuten fließt der Schweiß in Strömen am ganzen Körper. Auch das gehört dazu, ist für mich nicht unangenehm, ist ein Teil von mir und meiner Energie. Wenn dann noch die Gedanken ihren eigenen Weg finden, geradezu ungesteuert durch meinen Kopf schweben, es eigentlich kein Denken mehr ist, jedenfalls kein aktives, es mehr mit mir passiert, dann fühle ich mich meistens wohl. Es kommt mir manchmal vor wie ein Traum, nur eben nicht bei Nacht, sondern bei Tag und ich schlafe auch nicht dabei, sondern laufe. Es kommen die unterschiedlichsten Dinge hoch, manches aus der Kindheit, manche unerlebten Träume, manchmal Lustiges, manchmal auch Trauriges, manches Problematische, ganz unterschiedlich. Es ist vorgekommen, dass ich lachen musste, so sehr, dass ich fast nicht mehr laufen konnte. Ich habe aber dabei auch schon mal geweint. Doch das Faszinierende ist, dass das, was man den ganzen Tag über erlebt hat, was Stress bedeutet, Termindruck, nervige Kollegen, der Lärm des Arbeitsumfeldes, all das ist irgendwann wie weggeblasen. Das immer wieder zu erleben, ist einfach toll. Ich laufe alleine und fühle mich nicht einsam. Ich fühle mich oftmals so frei. Ob ich es so empfinden würde, wenn ich nicht in der freien Natur laufen würde, sondern beispielsweise auf einem Laufband, weiß ich nicht, glaube aber, dass die frische Luft einen sehr positiven Einfluss auf das Ganze hat.
Habe ich meinen Lauf beendet, fühle ich mich zufrieden, ausgeglichen und meist bin ich auch ein wenig stolz auf das, was ich geleistet habe. Dieses Gefühl stellt sich vor allem bei längeren Läufen ein. Ich habe etwas für mich getan, mich wohl dabei gefühlt, empfinde es selten als Anstrengung. Es ist wie eine Art Kurzurlaub, der mir sehr viel bedeutet. Ich bin froh vor allem den Weg zum Täglichlaufen gefunden zu haben. Ob ich es immer so halten werde, weiß ich nicht. Doch was macht man schon für immer? Was heißt überhaupt immer? Etwa für den Rest des Lebens? Doch so lange ich so fühle, wie ich derzeit meistens beim Laufen fühle, gibt es keinen Grund, an meinem Täglichlaufen irgendetwas zu ändern. Sollte ich durch Krankheit oder ähnliches mal tatsächlich meine kleine Serie unterbrechen müssen, ich würde sobald es wieder möglich ist, von vorne beginnen, bzw. mein tägliches Laufen weiterführen. Ich möchte es nicht mehr missen.